History
Geschichte der Gehörlosenbildung


Helmut Vogel

Die Gehörlosen lebten in den feudalen Gesellschaften bis 18. Jahrhundert überwiegend einzeln und regional verstreut. Darüber gibt es wenig zu forschen und zu berichten.
Erstmals im späten 16. Jahrhundert wurden die Vorurteile einiger bekannter europäischer Gelehrter aus Altertum und Mittelalter, die Gehörlosen seien wegen ihrer Stummheit und Taubheit bildungsunfähig, widerlegt. Einige Gehörlose aus Spanien hatten umfassende Kenntnisse durch den Unterricht von Pedro Ponce de León (1510-1584), einem hörenden Mönch, erworben. Der Gehörlose Etienne de Fay (1669-1746) aus Amiens/Frankreich, ebenfalls ein Mönch, brachte einigen gehörlosen Kindern die Bildung und den christlichen Glauben auf Gebärdensprache bei.
Bis ins frühe 18. Jahrhundert hinein, also bevor die modernen Staaten nach den Ideen der Aufklärer das Interesse hatten, Schulen zu gründen und ausbauen zu lassen, gab es keine Volksbildung für die breiten Gesellschaftsschichten. Die Gehörlosenbildung setzte sich erst ab 1760 nach und nach mit den Schulgründungen in Frankreich, England, Deutschland und anderen Ländern durch. Die Gehörlosengemeinschaften konnten sich dadurch entwickeln, daß sich gehörlose Kinder und Erwachsene in den Gehörlosenschulen und ihren Internaten zusammenfanden und danach weiter verbunden blieben.

Die erste Gehörlosenschule der Welt entstand 1760 in Paris unter dem Hörenden Abbé Charles Michel de l'Epée (1712-1789). Er begründete die auf der nationalen Gebärdensprache und Schriftsprache basierende (=manuelle) Methode. Dazu entwickelte er für den Unterricht methodische Gebärden, die den heutigen "lautsprachbegleitenden Gebärden" ähnelten.
Etwas zur selben Zeit wurde auch der Hörende Samuel Heinicke (1727-1790) in Deutschland tätig. Er arbeitete ab 1769 zunächst in Eppendorf bei Hamburg und leitete ab 1778 die erste deutsche Gehörlosenschule in Leipzig. Heinicke vertrat, wie einige andere vor ihm, die auf der nationalen Lautsprache basierende (=orale) Methode, wobei er Gebärden als Hilfsmittel beibehielt. Er forderte aber zum erstenmal in der Theorie der Gehörlosenpädagogik, daß die Gehörlosen wie die Hörenden in Lautsprache denken und sprechen sollten.
Es kam zu einem Methodenstreit, als de l'Epée und Heinicke miteinander Briefe wechselten und de l'Epée dann Gutachten von verschiedenen Akademien, z. B. in Zürich, Leipzig, Wien, Petersburg usw. anforderte. Die Gutachten fielen überwiegend zugunsten der Methode von de l'Epée aus, da seine Methode zur damaligen Zeit als glaubwürdiger galt als die von Heinicke. Die manuelle Methode wurde daher in Europa weit verbreitet, wobei sie mancherorts mit der Lautsprache und der Schriftsprache zur kombinierten Methode erweitert wurde.
Der Hörende Ernst Adolf Eschke (1766-1811) gründete 1788 nach einem Praktikum bei seinem Schwiegervater Heinicke die Gehörlosenschule in Berlin. Er sagte sich im Laufe der Arbeit mit den gehörlosen Schülern von der oralen Methode los und wendete sich der kombinierten Methode zu. Somit setzte sich die kombinierte Methode in Berlin bis lange über die Mitte des 19. Jahrhunderts durch.
Der Gehörlose Ludwig Habermaß (1783-1826) wurde von Eschke gefördert. Er arbeitete von 1803 bis zu seinem Tod als Lehrer und leitete zeitweise die Seminare für angehende Lehrer. Später wurden die Gehörlosen Daniel Heinrich Senß (1800-1868) und Karl Heinrich Wilke (1800-1876) auch als Lehrer in Berlin tätig. Wilke verbrachte fast sein ganzes Leben in der Gehörlosenschule, 54 Jahre davon als Lehrer. In dieser Zeit verfaßte er mehrere pädagogische Schriften für den Unterricht in den Gehörlosenschulen.
Karl Wilhelm Teuscher (1803-1835), Karl Arnold Teuscher (1815-1864), Ferdinand Rasch (1831-1885) und Karl Max Löwe (1834-1893) besuchten die Gehörlosenschule in Leipzig und blieben später auch als Lehrer dort. In Leipzig war die kombinierte Methode ebenfalls für lange Zeit bestimmend.
Der Gehörlose Freiherr Hugo von Schütz (1780-1847) besuchte zwischen 1788 und 1797 die Gehörlosenschule in Wien. Danach gab er in seiner Heimatstadt Bad Camberg mit der manuellen Methode Privatunterricht für die gehörlosen Kinder. Bei einer Reise durch die europäischen Länder sah er viele ohne Schulbildung lebende Gehörlose und entschloß sich, eine Privatschule in Bad Camberg zu gründen. Die 1818 eröffnete Gehörlosenschule wurde ab 1820 staatlich. Hugo von Schütz wurde als Hofrat geehrt und arbeitete bis 1828 als Direktor der Schule.
In der 1799 in Kiel gegründeten und 1810 nach Schleswig verlegten Gehörlosenschule arbeiteten die Gehörlosen Margaretha Hüttmann (1789-1854) von 1805 bis 1830 und Jean Jacques Turretin (1778-1858) von 1829 bis 1858 als Lehrer.

Der bekannteste gehörlose Lehrer in Deutschland war Otto Friedrich Kruse (1801-1880). Er besuchte die Gehörlosenschule in Kiel/Schleswig und widmete sich dann dem Lehrerberuf für insgesamt 55 Jahre. Er arbeitete zuerst in Schleswig, dann in Altona, Bremen und zuletzt wieder in Schleswig. Er hinterließ viele pädagogischen Schriften und meldete sich mit vielen Beiträgen in der seit 1855 herausgegebenen Zeitschrift "Organ der Taubstummen- und Blindenanstalten" zu den Diskussionen über die manuelle, kombinierte, orale und rein-orale Methoden. Er wurde mit vier bedeutenden Orden von verschiedenen Königen geehrt und erhielt 1878 den Ehrendoktortitel vom Gallaudet-College für Gehörlose in Washington, D.C./U.S.A. Kurz vor seinem Tod 1880 schrieb er eine Autobiographie über sein Leben und Wirken als Lehrer.

Zu den bekannten Lehrern in Frankreich gehörten drei gehörlose Lehrer aus Paris: Jean Massieu (1772-1846), Laurent Clerc (1785-1869) und Ferdinand Berthier (1803-1886). Clerc hatte 1817 zusammen mit dem Hörenden Thomas Hopkins Gallaudet (1787-1851) die erste Gehörlosenschule in den U.S.A. in Hartford/Connecticut gegründet. Berthier hatte 1838 den ersten Gehörlosenverein der Welt in Paris ins Leben gerufen. Der hörende Sohn von T. H. Gallaudet, Edward Miner Gallaudet (1837-1917), leitete später ab 1864 als Direktor das Gallaudet-College in Washington, D.C., das heute als die Gallaudet-Universität weltweit bekannt ist.
Viele andere Gehörlose in Europa und Amerika waren bis zum späten 19. Jahrhundert, teils als Schulgründer, teils als Lehrer, an der Entwicklung der Gehörlosenschulen beteiligt. Aufgrund dieser Entwicklung wurden die Gehörlosengemeinschaften weltweit vielfältiger.
Die deutsche Gehörlosenbewegung entstand 1848 nach der Gründung des ersten Gehörlosenvereins unter dem gehörlosen Eduard Fürstenberg (1827-1885) in Berlin. Der Hauptinitiator Fürstenberg organisierte für die Gehörlosen weiterhin die Kirchenfeste in Berlin (ab 1855) und Kongresse in verschiedenen Städten (ab 1873).

Die Grundsätze der oralen Methode wurden von Karl Gottlob Reich (1782-1852), einem hörenden Gehörlosenschuldirektor aus Leipzig, wieder besprochen, wobei er in der Praxis jedoch in der Regel eine kombinierte Methode verwendete. Insbesondere die vielen Schriften von Moritz Hill (1805-1874), einem hörenden Lehrer aus Weißenfels, verhalfen der oralen Methode zum Durchbruch.
Ab etwa 1850 verbreitete sich zunehmend eine negative Stimmung gegenüber den Gebärdensprachen unter den Gehörlosenpädagogen in Europa. Die um diese Zeit gegründeten Gehörlosenschulen und ihre neu angestellten hörenden Lehrer in verschiedenen Ländern hatten kaum Interesse an den nationalen Gebärdensprachen gezeigt. Die Lautsprache setzte sich als Unterrichtsgegenstand und -prinzip gegenüber den anderen Sprachen (Gebärdensprache, Schriftsprache) durch, weil die Bedeutung des Sprachunterrichts mit der Bedeutung der Lautspracherziehung auf gleiche Stufe gesetzt wurde. Auf diese Weise steigerte sich die sogenannte deutsche Methode zur rein-oralen Methode und polarisierte sich gegenüber der sogenannten französischen Methode, die eher eine manuelle bedeutete.
Kruse versuchte 1869 mit seiner Schrift "Zur Vermittlung der Extreme in der sogenannten deutschen und französischen Taubstummenunterrichtsmethode." zu erreichen, daß die guten Seiten von beiden Methoden nicht verlorengingen. Er verteidigte den Wert der Gebärdensprache und der kombinierten Methode. Dennoch konnte Kruse gegen den Sog des Oralismus nichts mehr ausrichten.

Ab etwa 1870 gewann der Oralismus zunehmend die Oberhand in der deutschen Gehörlosenpädagogik. Als entscheidender Wendepunkt in Europa wurde der Kongreß der Gehörlosenlehrer 1880 in Mailand in der ganzen Welt berüchtigt. Dort nahmen bis auf jeweils einen gehörlosen Lehrer aus Amerika und Frankreich in großer Zahl überwiegend ausgewählte hörende Lehrer aus Italien und Frankreich teil, und sie beschlossen die Einführung der rein-oralen Methode. Daraufhin wurden die Gebärdensprachen aus den Gehörlosenschulen verdrängt, und gehörlose Lehrer in Europa und später auch in Amerika wurden zur Aufgabe der Lehrstellen gezwungen.

Die Bücher "Der Taubstumme und seine Sprache" (1889) und "Ein Notschrei der Taubstummen" (1891) von Johannes Heidsiek (1855-1942), einem hörenden Lehrer aus Breslau, erregten Aufsehen bei den Lehrern und den Gehörlosen, da darin erstmals die Undurchführbarkeit der rein-oralen Methode aufgezeigt und die Rückkehr zur kombinierten Methode verlangt wurde.
Die kritischen Stimmen innerhalb der Gehörlosenpädagogik und die Konfrontationen mit der Gehörlosenbewegung (z.B. Massenpetition der Gehörlosen an den deutschen Kaiser 1891, Proteste bei den "Deutschen Taubstummenkongressen" ab 1892) hatten zur Folge, daß der Absolutheitsanspruch für den Einsatz der rein-oralen Methode ab etwa 1900 nicht mehr aufrecht zu erhalten war. Dadurch konnten neben der rein-oralen Methode auch einige andere Methoden (orale Methode, Schriftsprachmethode) etablieren.
Die Schulpflicht für gehörlose Kinder wurde 1911 per Gesetz festgeschrieben, so dass sie in die Gehörlosenschulen eingewiesen werden konnten. Zuvor waren ohne gesetzliche Grundlage nicht alle gehörlosen Kinder erfaßt worden.


Die Forderungen der deutschen Gehörlosenbewegung (Wiedereinführung der kombinierten Methode in den Gehörlosenschulen (vergleichbar mit der heutigen zweisprachigen Methode), gehörlose Lehrer, Integration in die Gesellschaft der Hörenden und in die Gehörlosengemeinschaft usw.) wurden aber bis etwa 1980 nicht weiter ernst genommen, so dass die Vorstellungen der deutschen Gehörlosenpädagogen ((rein-)orale Methode, keine gehörlose Lehrer, kaum Interesse an der Gehörlosengemeinschaft, einseitige Anpassung an die Gesellschaft der Hörenden usw.) bis heute weitgehend bestimmend blieben.


Literatur
Caramore, B. (1990): Die Gebärdensprache in der schweizerischen Gehörlosenpädagogik des 19. Jahrhunderts, Hamburg.
Fischer, R., Lane, H. (Hrsg.)(1993): Blick zurück. Ein Reader zur Geschichte von Gehörlosengemeinschaften und ihren Gebärdensprachen, Hamburg.
Möbius, U. (1992): Aspekte der 'Deaf history'-Forschung. Teil 1, Das Zeichen 22, S. 388-401.
Möbius, U. (1993): Aspekte der 'Deaf history'-Forschung. Teil 2, Das Zeichen 23, S. 5-13.


Veröffentlicht aus dem Buch: Anne Beecken, Jörg Keller, Siegmund Prillwitz, Heiko Zienert (1999): Grundkurs Deutsche Gebärdensprache, Stufe I, Arbeitsbuch, Hamburg, S. 46-49.


Anmerkung des Vorstands der "Kultur und Geschichte Gehörloser e.V.":
Wir danken dem Signum-Verlag für die freundliche Genehmigung, diesen Artikel aus dem Buch in unserer Homepage veröffentlichen zu dürfen.




Nachtrag zu neuen Veröffentlichungen vom Verfasser:
Vogel, Helmut (1999): Gebärdensprache und Lautsprache in der deutschen Taubstummenpädagogik im 19. Jahrhundert. Historische Darstellung der kombinierten Methode, Unveröffentlichte Magisterarbeit an der Universität Hamburg.
Vogel, Helmut, Dröge, Kurt und Muhs, Jochen (2000): Zum 200. Geburtstag von Karl Heinrich Wilke, Deaf History - Schriftenreihe Nr. 2, Berlin.
Vogel, Helmut (2002): Otto Friedrich Kruse (1801-1880). Gehörloser Lehrer und Publizist. Teil 1, Das Zeichen 56, S. 198-207.
Vogel, Helmut (2002): Otto Friedrich Kruse (1801-1880). Mahner gegen die Unterdrückung der Gebärdensprache. Teil 2, Das Zeichen 57, S. 370-376.