Sonstiges
 Clin d´oeil 2007

Europäisches Kultur-Festival der Gehörlosen
vom 29. Juni bis 1. Juli 2007 in Reims, Frankreich


Bericht von Helmut Vogel

Das dritte Clin d’oeil-Festival in Reims

Das Festival war wieder ein großer Erfolg. Etwa 1500 Zuschauer, Kulturfreunde und Kulturschaffende aus vielen europäischen Ländern sind dorthin gekommen, um das einzigartige Festival mitzuerleben. Viel mehr als die Hälfte kam aus dem Ausland. Das Publikum erlebte verschiedene Theateraufführungen, das Filmfestival mit dem verliehenen Filmpreis, eine Kunstausstellung verschiedener Künstler usw.
Die „Kultur und Geschichte Gehörloser e.V.“ (KuGG) ist wieder mit einem Bericht dabei. Über das zweite Clin d’oeil Festival im Jahr 2005 haben Ege Karar und Jochen Muhs berichtet. Diesmal gibt es von Herbert Christ einen ausführlichen Bericht mit Fotos über das Festival. Dabei wird von mir über die Entwicklung des Clin d’oeil-Festivals und den Filmwettbewerb berichtet.

Das Festival „Clin d’oeil“ (Klicken des Auges) wurde 2003 zum erstenmal anlässlich des „Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen“ mit finanzieller Unterstützung von der EU organisiert. Der Veranstalter war und ist CineSourds (= Kino für Gehörlose), eine Gesellschaft aus Reims, die von 7 ständigen Mitgliedern geleitet wird. Sie produzierte verschiedene Filme und Bücher. Deswegen ist es ihr großes Anliegen, die Produktion der Filme für und von Gehörlosen zu fördern. David de Keyzer ist selber der Organisationsleiter des Clin d’oeil-Festivals und der Geschäftsführer des CineSourds. Cinesourds übernahm die meisten Flug- und Übernachtungskosten für verschiedene Theatergruppen, Filmemacher usw. Dazu konnte CineSourds viele Sponsoren für das Festival gewinnen. Dem CineSourds ist es gelungen, die Kulturschaffenden in den Vordergrund zu stellen und den Kontakt mit dem Publikum herzustellen. Es ist eine unglaubliche Leistung von CineSourds, das alles auf die Beine bringen zu können.

Die Aktivitäten von CineSourds sind ein Anknüpfungspunkt an die frühere stolze Geschichte der Reimser Gehörlosen. 1893 wurde das erste Gehörlosenzentrum von Frankreich in Reims errichtet. Die bekannte führende taube Persönlichkeit war Eugene Mercier, der ein Sohn von dem bekannten Champagnerbesitzer Mercier war. Im Gehörlosenzentrum sind auch viele alte Bücher und Fotobilder aus dem 19. und 20. Jahrhundert zu sehen. Wie mir ein Fachmann aus Paris erzählte, hatte Reims eine hohe, führende Position bei den Gehörlosen in Frankreich bis zum zweiten Weltkrieg. Heutzutage hat das Clin d’oeil-Festival in Reims die besten Chancen, zu einer Hochburg oder einer Hauptstadt der europäischen Gehörlosenkultur mit dem Schwerpunkt Filmfestival zu werden.

Beim zweiten Clin d’oeil-Festival gewann der Filmemacher aus Schweden, Jerome Cain den Preis für den besten Film. Es war ein hervorragend künstlerischer Film. Es waren diesmal für das dritte Festival mehr Filme beim Veranstalter angekommen. Für die Endrundenwettbewerb wurden etwa 15 Filme ausgewählt. Ab dem Samstag Nachmittag wurden diese dem Publikum gezeigt.

Der Preis für den besten Film ging diesmal an einen britischen Filmemacher namens Louis Neethling mit seinem Stück „Coming Out“. Sein zehnminütiger Film ist professionell gedreht und sollte die Zuschauer etwas verwirren. Zu Anfang sagte der taube Sohn zur hörenden Mutter in Britischer Gebärdensprache, dass er mit ihr reden möchte. Ihre Mutter sprach im ganzen Film ohne Gebärdensprache. Sie nahm zuerst die Erkenntnisse von ihrem Sohn nicht ernst, dass er die Gebärdensprache so sehr brauchte und sich darin sehr wohlfühlte, auch in Gesellschaft der Gebärdensprachbenutzer. Ihre Mutter dachte, es sei nur eine Phase, aus der er hoffentlich wohl wieder raus sein würde. Er legte nach, dass es keine Phase sei und es nun sein Leben sei. Sie war immer mehr verwirrt, als er sagte, er akzeptierte schon die Hörendenwelt und mag lieber in der Gehörlosenwelt zu leben. Er erinnerte sie, dass er damals als kleines Kind so gerne die Sendung „See Hear“ (vergleichbar mit Sehen statt Hören) gesehen und auch die britische Gebärdensprache mit dem Fingeralphabet durch die britische Gehörlosenzeitung gelesen hat. In der letzten Sequenz kam der Ehemann von der Arbeit nach Hause zurück und bemerkte die verworrene Situation. Er freute sich, dass sein Sohn sich als tauber Mensch mit tauber Identität akzeptierte. Die Erklärung zu diesem Film ist, dass der Vater auch selbst taub war und sich damals nicht akzeptiert hat. Deswegen konnten der Sohn und die Mutter sich auch einander verstehen.

Louis Neethling hat an der bekannten Filmhochschule in London für 5 Jahre studiert. Für das „See Hear“ im Britischen Fernsehen BBC - vergleichbar mit dem deutschen „Sehen statt Hören“ - hat er eine erfolgreiche Serie mit dem Titel „Switch“ für 5 Staffeln produziert. Darin sind die alltäglichen normalen Probleme der Gehörlosen zu sehen, wie z.B. die Beziehungskonflikte, die Freundschaften, die Barrieren im Alltag usw. In Reims war Louis Neethling mit seinem Film zum erstenmal dabei.

Con Mehlum aus Norwegen war hingegen bei allen drei Clin d’oeil-Festivals dabei. Für viele Kulturfreunde und Filmemacher ist er ein bekannter Filmemacher, da er und seine Frau eine hochqualitative Homepage www.zoom.coip.no betreiben. Seine Filme erregen immer wieder Bewunderung aufgrund der langsamen und sensiblen Kameraführung und, sie laden die Zuschauer ein, sich mit den Darstellern vertraut zu fühlen und sich in ihnen hineinversetzen. In diesem Fall ist es ein gehörloser alter Mann, der sich einsam in seinem Haus lebte und zuletzt vergessen war. Die letzte Szene, wo die Tür verschlossen blieb und davor viele Werbungsblättern lagen, war so prägend. So ist das aktuelle Thema „Älterwerden“ bzw. „Einsamkeit der alten Menschen in der Gesellschaft“ aufgegriffen. Das ist im Plädoyer von der Leiterin der Jury, Sandrine Herman, anerkannt worden, deswegen konnte Con Mehlum den Sonderpreis für die künstlerische Arbeit in die Hände nehmen.

Der einzige deutsche Film, von Benedikt Feldmann (Frankfurt) kam beim Publikum gut an. Es ist eine künstlerisch hervorragende Arbeit von ihm. Es war ein Comic-Zeichentrickfilm in schwarz-weißer Farbe. Der Schnitt ist ihm sehr gut gelungen. Manche deutsche Teilnehmer haben ihm schon klammheimlich die Daumen für den Gewinn des Preises gedrückt. Es wird eines Tages sicherlich soweit sein, wenn er diesen Weg als Filmemacher weiter geht.

Insgesamt gesehen ist eine Erhöhung des Niveaus und der Qualität bei den Filmen festzustellen, im Vergleich zu zwei Jahren davor. Ich habe am Ende des Festivals noch das Glück gehabt, mich mit David de Keyzer zu unterhalten. Er hat die Motivation, dass das Niveau weiter erhöht wird und das Filmfestival in Reims von hoher Bedeutung sein wird. Wenn bei den nächsten Clin d’oeil-Festivals noch mehr Filme kommen, dann kann es in Kategorien verteilt und gezeigt werden. Beispielsweise sind es Animationen, Dokumentarfilme, Spielfilme usw. Es wäre auch motivationsfördernd für die Filmemacher, in ihren Fachgebieten weiter die Leistungen zu bringen. Ein weiterer Schritt wäre, die Preise für das beste Drehbuch, den besten Schnitt, den beste Kamera, bestes Bühnenbild/Ausstattung usw. zu verleihen. Das hat David de Keyzer auch im Visier und meinte, dass es vielleicht in 2011 soweit sein kann.

Also können wir davon ausgehen, dass die Professionalisierung der Filme weiter vorangetrieben werden kann. Die Filme von und mit tauben Menschen sind ein wichtiges Medium für das Selbstbewusstseinsprozess der tauben Menschen und der Öffentlichkeitsarbeit über die Gebärdensprache und das Taubsein.

Ausgerechnet im kommenden November werden nacheinander das zweite Deaffilm-Festival in Berlin, das dritte Deaffilm-Festival in Amsterdam und das DEAFFEST in Wolverhampton/England veranstaltet. Es sollen ja die Filmemacher öfter zusammen kommen. Es soll auch ein Publikum geben, das die Anregungen an die Filmemacher geben kann.

Die KuGG wird diese Entwicklung mit unterstützen, da sie die Interessen der gehörlosen Kulturschaffenden und Kulturforscher in Deutschland vertritt. Hier sollen unsere Berichte über die Clin d’oeil-Festivals einen Beitrag leisten, indem die Interessierten sich ein Bild von internationalen Entwicklungen machen und sich dadurch entwickeln können. Die KuGG wird neben ihren Jahrestagungen die Workshops und Seminare in verschiedenen Bereichen (Film, Kunst, Theater, Geschichte und Deaf Studies) organisieren, wo die Interessierten daran teilnehmen und sich bilden können. So können sie ihre Kenntnisse und Fähigkeiten erweitern. Die Kulturarbeit braucht kontinuierlich gefördert zu werden. Kurz gesagt: Gebärdensprache fördern – Gehörlosenkultur stärken – Kultur nach außen bringen und die Öffentlichkeit informieren.

Helmut Vogel

Clin d’oeil - Logo


Alle Infos über das Kulturfestival: www.clin-doeil.eu



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