Sonstiges

  Kulturfestival in Reims, Frankreich

Europäisches Kultur-Festival der Gehörlosen



Vom 1. bis 3. Juli fand in der französischen Stadt Reims das
europäische Festival der Gehörlosenkultur „Clin d’oeil 2005“ statt.
Davon berichten Ege Karar und Jochen Muhs

Das Festival „Clin d’oeil“ in Reims ist ein europäisches Kulturfestival mit Film, Theater, Kunst und vielem anderem. In meinem Bericht konzentriere ich mich besonders auf den Bereich der Filme und erzähle ein wenig über das Abendprogramm.
Alle gezeigten Filme wurden von Gehörlosen gemacht. Es wurden insgesamt 19 Filme vorgeführt, von denen sieben ausgewählte Beiträge an einem Wettbewerb teilgenommen haben. Die zwölf anderen Filme, darunter auch zwei deutsche Filme, wurden bei dieser Gelegenheit nur dem Publikum vorgeführt.

Die siebenköpfige Jury zur Beurteilung der Filme bestand aus ziemlich berühmten Persönlichkeiten. Zur Jury gehörten vier Gehörlose und drei Hörende.
Die gehörlose Juroren waren: Feliciano Sola Lima aus Spanien, stellvertretender Präsident des Gehörlosen-Weltverbandes und Vorsitzender des Gehörlosenverbandes in Galicien; Helga Stevens aus Belgien, Präsidentin der Europäischen Gehörlosen-Verbandes und Abgeordnete des flämischen Parlamentes; Emmanuelle Laborit, Schauspielerin und Direktorin des Visuellen Theaters in Paris, sowie Terry Riley aus England, der Produzent beim englischen Fernsehsender BBC ist. Zu den hörenden Juroren, die meist aus dem Kino-Bereich kamen, gehörte auch der Kulturassistent aus Reims.

Von zwei der insgesamt sieben Filmen, die am Wettbewerb teilgenommen haben, gebe ich eine kurze Inhaltsbeschreibung. Mit dabei beim Wettbewerb war beispielsweise auch ein Film vom einigen wahrscheinlich bekannten Lars Otterstedt, der vor einiger Zeit im Kino in „Stille Liebe“ zu sehen war.

Von Con Mehlum aus Norwegen, der bereits zahlreiche Filme vorgestellt und an einer Menge Festivals teilgenommen hat, ist der Film „Café Lion“. Seine Filme sind unglaublich professionell gemacht. Typisch für ihn sind eindrucksvolle Bilder, tolle Effekte und ausdrucksstarke Metaphern. Im Film geht es um folgende Geschichte:
Ein Mann arbeitet in einem Café hinter der Theke und zapft Bier. Ein zweiter, alter und einsamer Mann sitzt in einer Kneipe und beobachtet den Barkeeper, der gerade mit einer Bier- und Pizza-Bestellung beschäftigt ist. Der Gast erkennt sofort, daß der Barmann auch gehörlos ist und versucht, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Er stellt ihm ständig Fragen über seine Arbeit, seine Herkunft usw. Das nervt den Barmann schnell und er fühlt sich beobachtet. In der rechten oberen Ecke des Bildes werden in einer rußblauen Szene die Gedanken des Barmanns darstellt: Der andere Gehörlose fragt ihn aus und er erzählt ständig. Der Barmann überlegt, dass der Fragesteller wohl sehr einsam sein muss. Dann schließt sich die Gedankenblase. Man sieht wieder die tatsächliche Situation, in der der Barmann nur knappe Antworten gibt. Daraufhin fragt der Gast den Barmann, ob er einsam ist. Der Barmann antwortet nicht.
Dann verabschieden sie sich und der Gast verläßt das Café. Wieder in einer rußblauen Gedankenblase sieht man - diesmal aber als Gesamtbild - eine Katze und den Barmann, die sich beide gegenübersitzen. Aus der Sicht der Katze wird der Barmann gezeigt, wie er der Katze etwas erzählt ... - aus Einsamkeit. Dieses Bild ist wirklich eine starke Metapher!

Als zweites möchte ich den Film des schwedischen Regisseurs Jerome Cain vorstellen. In seinem Film “Alvet och host“ spielt Alexej Svetlov mit. Der Film zeigt so ähnlich wie beim ‚Daumenkino’ eine schnelle Bilderabfolge. Beispielsweise sieht man einen Mann, der sich in aneinander gereihten Standbildern im Raum bewegt. Das heißt, die Einzelaufnahmen wurden geschnitten aneinander gehängt und ergeben so den Eindruck einer Bewegung. Das Gleiche wird zum Beispiel mit einer Mütze gezeigt, die sich in unterschiedlichen Positionen auf dem Kopf dreht, oder mit einem Pinsel, bei dem die Bewegungen beim Malen in Einzelbildern aneinander gereiht werden. Man kann sich denken, daß wirklich eine Menge Arbeit dahintersteckt. Das Produkt ist eine tolle künstlerische Darstellung.

Die Entscheidung der Jury hat überrascht: Der schwedische Film “Alvet coch host“ mit den Daumenkinoeffekten ergatterte den ersten Preis. Berühmte Filmproduzenten wie Con Mehlum gingen leer aus. Mit dem 1.000 Euro-Preis möchte der Sieger es ermöglichen, dass weitere Filme an Festivals teilnehmen können.
Insgesamt gab es beim Festival qualitativ bessere und weniger lohnende Beiträge zu sehen und es bleibt zu hoffen, daß auch in Zukunft viele neue Filme entstehen.

Von den zwölf Filmen, die nicht am Wettbewerb teilgenommen haben, stelle ich auch zwei vor. Der erste Film ist aus Italien und handelt von einer Familie. Eine Frau lebt von ihrem Mann getrennt mit ihrem Sohn und ihrem neuen Partner zusammen. Der Vater des Kindes lebt alleine, fühlt sich sehr einsam und wünscht, wieder zu seiner Familie zurückkehren zu können. Weil der Sohn den neuen Partner seiner Mutter nicht akzeptiert, versucht er wegzulaufen. Er rennt über die Straße und wird dabei beinahe von einem Auto überfahren. Sein leiblicher Vater kann einen Unfall gerade noch verhindern und rettet so seinen Sohn. Alle sind erleichtert und die Mutter des Kindes entscheidet nach diesem Vorfall, wieder zu ihrem Mann zurückzukehren, weil sie erkennt, wie wichtig die Familie ist. Auch der geschiedene Mann wünscht sich, daß die Familie zusammenhalten soll und wieder alle glücklich vereint sind und sie für immer zusammen bleiben. Der Film will zeigen, wie wichtig es ist, daß eine Familie für immer glücklich zusammenhält.

Der zweite Film kommt aus Frankreich und spielt in einem Gerichtssaal. Eine Dolmetscherin übersetzt die Verhandlung für einen gehörlosen Angeklagten. Schließlich wird er schuldig gesprochen. Die Dolmetscherin übersetzt den Urteilsspruch. Daraufhin nimmt die Polizei die Dolmetscherin fest, die ihre Unschuld beteuert und sagt, dass der Gehörlose der Schuldige ist. Doch vergebens... Der Richter hat nicht begriffen, was die Aufgabe einer Dolmetscherin ist und hält aus diesem Mißverständnis heraus die Dolmetscherin für die Schuldige. Trotz heftiger Gegenwehr wird die Dolmetscherin festgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Ein eher witziger Filmbeitrag auf dem Festival.

Nun noch ein paar Worte zum Abendprogramm, der „Deaf Party“. Sie hat im Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Gehörlosen-Zentrum stattgefunden. Das Haus ließ Emile Mercier erbauen, der durch seinen Champagner weltberühmt geworden ist. Es ist das erste Gehörlosen-Zentrum Europas. Wirklich bemerkenswert für die Stadt Reims! Die Abendveranstaltung von „Clin d’oeil“ fand unter anderem in diesem älteren, mittelgroßem Haus statt, weil sich dort ein Denkmal von Abbé de l’Epée befindet, der Persönlichkeit, an die sich viele Gehörlose immer wieder erinnern. Das Abendprogramm wurde von Gruppen aus Lettland, Spanien und aus Frankreich gestaltet. Die Mitglieder der lettischen Tanzgruppe waren alle unter 18 Jahre alt, also noch minderjährig und haben verschiedene schöne Tänze präsentiert. Toll, daß sie trotz ihres Jugend schon den Mut hatten, ihr Programm zu zeigen.
Die französische Truppe zeigte eine Mischung aus Trommeln und Tanz-Vorführungen. Einer der Trommler hat es auf sehr geschickte Art und Weise geschafft, mit Trommeln und einer Art Gebärdenliedern den Kontakt zum Publikum herzustellen. Er hat die Trommel-Gruppe und das Publikum so eingebunden, daß alle zusammen gefeiert haben und nicht nur eine ‚einseitige’ Show entstanden ist. Auf diese Art kam ein Dialog zwischen der Gruppe und den Zuschauern zustande und diese ‚Unterhaltung’ hat sehr viel Spaß gemacht. Der Raum war ziemlich überfüllt, wo die Vorführungen stattgefunden haben.
Außerdem gab es im Hof hinter dem Gehörlosen-Zentrum die Gelegenheit, sich in gemütlicher Atmosphäre zu unterhalten und auszutauschen bis gegen zwei oder drei Uhr am Morgen die Türen geschlossen wurden.

Ege Karar


Gruppenfoto der deutschen Besuchern in Reims


Ein Festival für Kunstfreunde

Über eine Rolltreppe kamen die Gäste in die lichtüberflutete Kongresshalle zum Kulturfestival. 39 gehörlose Künstler und Künstlerinnen aus neun Ländern repräsentierten hier ihre Gemälde und Fotografien, ihr Kunsthandwerk und anderes. Deutschland war mit 13 Teilnehmern zahlreich vertreten. Elf Künstler kamen aus Frankreich, vier aus Italien, drei aus Österreich, zwei aus England, einer aus der Schweiz und einige aus Belgien.

Dieter Fricke stellte seine farbenfrohen Bilder mit den typischen, die Gebärdensprache symbolisierenden Strichen aus. Mit Zuversicht sprach er über sein erfolgreiches Engagement für die Gebärdensprache an Schulen für Hörende. Die Brüder Mertz fehlten nicht. Der Allroundkünstler MM (Manfred Mertz) demonstrierte in den Theaterpausen auf dem runden Tisch seine surrealistischen Bilder. Rudolf Werner erklärte unermüdlich seine Kunstwerke, darunter die bekannte Schaufensterpuppe mit den drei Punkten der Behinderten.

Die schönen Sport- und Landschaftsfotografien vom Oliver Bardt aus Bremen zeigen vom Können des jungen Fotografen aus Bremen. Gleiches gilt für den in Paris wohnenden Jean Philippe, der künstlerische Schwarz-weiß-Bilder ausstellte. Auffällig waren die Illustrationen und Comic-Zeichnungen von Künstlern aus Frankreich und der Schweiz. Die starken Comic-Bilder sind klar gezeichnet. Ob die Künstler allerdings von dem Verkauf ihrer Zeichnungen leben können, ist für mich fraglich. Die ideenreiche Firma „Conte Sur Tes Doigts“ aus Lille verkaufte lebendig gehaltene Vorlese- und Lehrbücher mit originellen Bildern und DVDs in Gebärdensprache für Kinder und Eltern.

Ich wurde Besitzer eines Kunstwerks des italienischen Künstlers G. Bergamaschi. Auf Zeitungen, Briefe usw. macht er mit dicken Strichen. Mit diesen Kunstwerken protestiert er gegen Politiker und Journalisten. Seine Kunst fand aber bei den gehörlosen Besuchern wenig Beachtung. Bergamaschi besuchte die Akademie der schönen Künste “Brera” zu Mailand. Im September hat er seine Kunstwerke in einer Galerie in Rochester (USA) ausgestellt.

Die weichen und lebendigen Zeichnungen und chinesische Pinselschrift von Hua Shan Bähr zogen die Gäste in den Bann. Die grünen Bücher mit hübschen Zeichnungen der jungen Illustrations-Designerin Barbara Schuster aus Wien nötigten mir einen gewissen Respekt ab. Lukas Kollien, der kürzlich im Hamburger Gehörlosenzentrum die Hummel-Figur errichtete, zeigte Skulpturen und Karikaturen. Viele Bilder kamen mir bekannt vor. Ich habe Mut, Engagement und Phantasie vermisst.

In der Ausstellung waren akademische Berufskünstler, die tatsächlich ihren Lebensunterhalt mit Kunst verdienen, nicht auszumachen. Es wäre ratsam und begrüßenswert, eine europäische Künstlervereinigung für gehörlose akademische Kunstmaler, Bildhauer und Kunsthandwerker zu gründen. Ihre Werke sollten in Kunstausstellungen bevorzugt werden.
Die Kunsthandwerkerin Sandrine Basset aus Frankreich zeigte Glasbilder mit farbenfrohen und klaren Kontrasten. Sie verkaufte auch schönen Glasschmuck. Mit ihren Schmuckstücken bewies Julia Klunker aus Hanau, schwerhörige Meisterschülerin für Schmuckgestaltung, viel Talent. Mit zahlreichen Blumen demonstrierte ein Florist aus Belgien die Kunst der Blumenbinderei. Der Schneider Brusselman aus Belgien zeigte sein Können im alten Handwerksberuf.

Die Kunstausstellung in der schönen Halle regte die Theaterbesucher in den Pausen zum Nachdenken an und sorgte für Entspannung. Zahlreiche Kunstwerke zeigten mit ihrer visuellen Bildersprache das besondere Können der gehörlosen Künstler. Sie sind oft farbenfroher und kontrastreicher als die der hörenden Künstler...
Viele Besucher scheuten den Kauf. Schön wäre es, wenn sie ihre Wohnung und die Klubheime mit den Werken gehörloser Künstler schmücken würden. Ich habe ein Gemälde des verstorbenen Malers Albert Fischer – Fisé - vom Ammersee, worauf ich stolz bin.

Nach den Kulturtagen besuchte ich den Bildhauer Malaussena, der bei Paris wohnt. Er war nicht nach Reims gekommen, weil er bisher seine Kunst nicht gut verkaufen konnte. Malaussena ist durch „die drei Grazien“ im Berliner Gehörlosenzentrum bekannt. Vom ihm erwarb ich eine Skulptur. Am nächsten Tag besuchten wir beide das Haus am See in Giverny des weltbekannten hörenden Malers Claude Monet. Die zahlreichen Besucher meiner Führungen bei der MOMA 2004 in Berlin erinnern sich sicher an das etwa 13 m lange Gemälde mit den Seerosen.
Trotz meiner Kritik halte ich die Kunstausstellung in Reims für gelungen. Umso mehr bedauere ich wie andere Freunde der Kultur und Kunst den Ausfall der deutschen Kulturtage 2006 in Köln.

Jochen Muhs

Banner Clin d’Oeil

Fotos von Helmut Vogel

Alexej Svetlov u. Jerome Cain
Alexej Svetlov und Jerome Cain, Gewinner des Filmpreis

ChanDanse des Sourds
ChanDanse des Sourds beim Abendprogramm

Hua Shan-Bähr
Die Künstlerin Hua Shan-Bähr

Manfred Mertz
Manfred Mertz in Aktion...

Rudolf Werner
Rudolf Werner erklärt sein Kunstwerk...

Ege Karar, Helmut Vogel, Jochen Muhs
Ege Karar, Helmut Vogel und Jochen Muhs beim Festival

 

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