Kultur
Deaf Way II


DEAF WAY II
Internationaler Kulturfestival und Konferenz in Washington D.C./USA

- Teil 1 -
Ein Bericht von Helmut Vogel

Der "Deaf Way II", der vom 8. bis zum 13. Juli 2002 in Washington D.C. / USA stattfand, war echt beeindruckend. Beim internationalen Kulturfestival und bei der Konferenz mit vielen Vorträgen gab es soviel zu erfahren und zu erleben. Daran werden sich sicherlich viele Teilnehmer noch lange erinnern. Die Veranstaltung wurde von den erfahrenen Mitarbeitern der Gallaudet-Universität und ihren vielen Helfern erfolgreich organisiert. Der Erfolg zeigt auch, wie wichtig die Gallaudet-Universität, die einzige Gehörlosen-Universität der Welt, für die Welt der Gehörlosen ist.
In zwei Teilen will ich die Eindrücke und Erlebnisse festhalten. Darüber hinaus hoffe ich, dass wir die positiven Kräfte, die dort freigesetzt werden konnten, weiter bewahren und für die Weiterentwicklung der Gehörlosenkultur bei uns in Deutschland einsetzen können.



Von "Deaf Way I" zu "Deaf Way II"

Der "Deaf Way I" in Washington D.C. war 1989 in der Gallaudet-Universität und in einem Hotel durchgeführt worden. Rund 5500 Teilnehmer, darunter weniger als zehn Personen aus Deutschland, waren dabei. Sie erlebten auch den ersten gehörlosen Präsidenten seit Bestehen dieser Universität, Dr. King Jordan. Er war 1988 nach den Demonstrationen der Studenten unter dem Motto "Deaf President Now!" Präsident geworden. Das signalisierte den weltweiten Aufbruch in der Gehörlosenkultur, die in ihrer eigenen Art und Weise wieder anerkannt werden wollte - wie damals im 19. Jahrhundert.

Kurze Zeit später wurde das Anti-Diskriminierungsgesetz in den USA, das dort immer abgekürzt als ADA gefingert wird, verabschiedet. Es führte zu vielen Verbesserungen in der Technik, im Dolmetschen und anderes mehr. Die Gehörlosen konnten beispielweise eine große gemeinnützige Gesellschaft namens CSD (Communication Services for the Deaf = Kommunikations-Dienste für Gehörlose) mit gehörlosen und schwerhörigen Leitern erreichen. Die CSD hat verschiedene Abteilungen und verfügt über Einrichtungen in vielen US-Staaten. Daher konnte die CSD es sich leisten, sich als Hauptsponsor neben zehn weiteren Sponsoren (darunter AOL) beim "Deaf Way II" zu engagieren. Die Veranstaltung wurde mit 4 Millionen Dollar aus dem Budget der Gallaudet Universität und mit einer Million aus den Sponsorengeldern finanziert.

Beim "Deaf Way II" konnte man Fortschritte erleben und sehen. Die Teilnehmerzahl ist auf 10.000 gestiegen. Aus Deutschland kamen diesmal etwa 100 Gehörlose und Hörenden. Das Konferenz-Zentrum in der Stadtmitte war der Ort, wo das Herz der Gehörlosenkulturen für fünf Tage schlug und wo für Wiedersehen und Bekanntschaften der Gehörlosen untereinander gesorgt war. Bei der Abholung der Eintrittskarten erhielt jeder Teilnehmer einen Rucksack mit dem Emblem vom "Deaf Way II", ein dickes Programmheft und verschiedenes Informationsmaterial.


Großes Programm im Konferenzzentrum

Die Eröffnungsfeier mit vielen kurzen Auftritten der Theatergruppen am Abend des ersten Tages war schon erfolgsversprechend für den Verlauf des "Deaf Way II" und förderte das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gehörlosen aus allen Kontinenten. Dabei erinnerten die Amerikaner an die Terroranschläge vom 11. September und zeigten Videofilme von entsetzten gehörlosen Studenten der Gallaudet-Universität an diesem Tag.

Im Laufe der Woche wurden im Konferenzzentrum und in einem benachbarten Hotel Vorträge gehalten aus verschiedenen Themenbereichen wie Politik, Kultur, Gebärdensprache und Dolmetschen, Geschichte, Erziehung, Literatur, Jugend, Gesundheit, Wirtschaft. Da gab es auch viel über Multimedia-Technik, Bildtelefon und andere technische Hilfsmittel zu erfahren.

Unter den verschiedenen Vorträgen, Podiumsdiskussionen, kulturellen Veranstaltungen - insgesamt fanden manchmal bis zu 15 gleichzeitig statt - hatten wir immer die Qual der Wahl. Es machte uns zu schaffen, da wir ja unseren Körper nicht teilen konnten und uns für ein Angebot entscheiden mussten. So suchte sich jeder ein Angebot nach seinen Interessen aus und vereinbarte mit Freunden einen neuen Treffpunkt. Oder man besuchte mit der Gruppe zusammen eine Veranstaltung, damit man sich später darüber austauschen konnte und auch, weil man sich später im Menschengewühl nicht verlieren wollte.
Man sah immer wieder bekannte Gesichter. Und durch die Begrüßung konnte man die anderen Verabredungen nicht mehr einhalten. Es hatte den Grund, dass man sich nur einmal während der Veranstaltung sah oder erst jemanden nach einigen Tagen begrüßen konnte oder auch gar nicht. Deshalb wollte man das Wiedersehen mit bekannten Gesichtern oder auch das Kennenlernen neuer Personen nicht versäumen. So schwankten ich und auch viele andere zwischen verschiedenen Möglichkeiten. Ab und zu schob ich einfach alle Planungen beiseite und genoss den Tag, indem ich einfach dem Geschehen folgte. Insgesamt gesehen war es eine neue, interessante Erfahrung und ein Mega-Erlebnis, an so einer Veranstaltung mit 10.000 an der Gehörlosenkultur interessierter Menschen teilnehmen zu können. Es waren richtige internationale Kulturtage, vergleichbar mit den bisherigen deutschen Kulturtagen der Gehörlosen.

Abends trafen sich die Teilnehmer im "Internationalen Deaf Club" und erlebten den Ausklang des Tages mit kurzen verschiedenen Darbietungen von Gebärdensprachpoesie, Tanz, Theater usw. Die Bühne war in der Mitte des großen Saales platziert. Um die Bühne ringsherum nahmen die Teilnehmer auf Stühlen Platz oder unterhielten sich stehend. Vor der Bühne wurde natürlich auch getanzt. Dass die Kinder immer mit einbezogen wurden, passte hervorragend zum Bild des Kulturfestivals. Für sie gab es am Tag organisierte Aktivitäten und am Abend im Club einen großen Spielplatz mit Hüpfburgen und anderem mehr.


Kulturfestival auf der Gallaudet-Universität

Der Gegensatz zur Konferenz im Konferenzzentrum spielte sich in der Gallaudet-Universität ab, nicht weit entfernt von der Stadtmitte. Es gab Theateraufführungen, Poesie-Auftritte, Filmvorführungen und Kunstausstellungen. Dabei konnte man ruhig über den großen Campus schlendern und sich entspannen.
In einem großen Zelt mit zwei Sälen (benannt nach den beiden bekannten gehörlosen US-amerikanischen Schauspielern Bernard Bragg und Phyllis Frelich) und in zwei anderweitigen Gebäuden zeigten etwa 30 Theatergruppen, vor allem aus Amerika, Europa und Asien, ihr Können. Im Pauschalpreis waren drei Theaterbesuche enthalten, so dass jeder sich schon am Anfang entscheiden musste, welches Theater er besuchen wollte.

Gleich möchte ich über eine ungewöhnliche Theatergruppe aus den USA mit zwei hörenden Coda-Personen ("Children of deaf adults" = hörende Kinder von gehörlosen Eltern) berichten. Sie begeisterte das Publikum mit ihrem selbstbewussten Auftreten. Die Darsteller trugen Poesie, Erzählungen und Lieder in Amerikanischer Gebärdensprache (ASL) mit viel Humor und Musikuntermalung vor. Die Gruppe hieß "Half-n-Half" (Halb und Halb) und demonstrierte, dass die Darsteller mit einem Bein in der Gehörlosenwelt und mit dem anderen in der Hörendenwelt standen. Mit ihren Theaterauftritten machten sie den anderen Coda-Personen Mut, sich zu ihrer Identität zu bekennen. Zugleich war den Gehörlosen klar geworden, dass Coda-Personen sich als Vermittler zwischen zwei Welten und Vertreter für die Gehörlosenkultur gut eignen könnten.

Die andere Theatergruppe aus Brno (Brünn)/Tschechien "Pantomima S.I." ist seit 20 Jahren durch ihre internationalen Pantomime-Veranstaltungen bekannt. Es war damals interessant für die Gehörlosen in osteuropäischen Ländern während der sozialistischen Ära. Bei ihrem Auftritt befasste sich die Theatergruppe mit der psychoanalytischen Deutung von Träumen und erzählte davon mit langsamen Bewegungen ohne Gebärdensprache. Das hat mich an den bekannten Pantomimen JOMI (Michael Kreutzer) erinnert, der eher mit verschiedenem Tempo auftrat. In Brno sollte es den in ganz Europa einzigen Studiengang Kunsttherapie und Theaterwissenschaft für Gehörlose geben.

Die Theatergruppe "Trio-Art" aus Essen trat zusammen mit anderen Gebärdensprachpoesie-Darstellern auf. Ihre Stücke in Zeitlupe (Themen: Fahrschule, Zahnarzt und Boxen) gehörten ja zur Gebärdensprachpoesie. Die Gebärdensprachpoesie hatte in den USA schon eine lange Tradition, dementsprechend traten viele aus den USA auf. Peter Cook, einer der besten Poeten in den USA, gestaltete seine Geschichten mit der Auswahl von bestimmten Handformen und mimischen Gebärden aus Zeichentrick-Filmen. Er bewegte sich in unterschiedlichem Tempo und konnte daher die Zuschauer gut unterhalten. Wie Peter Cook erzählte, macht er dies gerne für seinen kleinen Sohn.

Das Film- und Videofestival fand in einem Konferenzraum der Gallaudet-Universität statt, wo man sich wirklich wie im Kino fühlte. Die mehr als 50 Filme wurden an vier Tagen, teils mit Wiederholungen, vorgeführt. Fast alle Filme stammten von Gehörlosen aus den USA und europäischen Ländern. Die Kameraführung war manchmal ungewöhnlich und mehr visueller Art. Die ungewöhnlichen Filme von Con Mehlum aus Norwegen habe ich leider verpasst. Der hervorragende Film "Alice und der Aurifactor" aus Hamburg war auch vertreten. Bei diesem großartigen Programm fühlte ich mich wieder an die damaligen Videofestivale in Leipzig und Berlin erinnert. Hoffentlich gibt es wieder ein Videofestival bei uns.

Die Gehörlosenkunst spielte ebenfalls eine wichtige Rolle beim Deaf Way II. Die Auswahl der Bilder und Skulpturen der mehr als 60 gehörlosen Künstler war gut gelungen, so dass man einen Überblick über die Werke aus allen Kontinenten bekommen konnte. Einige kamen aus Afrika, mehrere aus Asien (vor allem aus China und Japan), die meisten aus USA und Europa. Interessanterweise war viel über die Gehörlosenkunst aus Russland zu erfahren, die bei uns wenig bekannt ist. Dieter Fricke war als einziger Deutscher mit seinen einigen Skulpturen und Bildern vertreten.

Die Werke waren in verschiedenen Räumlichkeiten der Gallaudet-Universität und einigen Museen in Washington ausgestellt. Verschiedene Künstler hatten Bilder mit Bezug zur Gehörlosenkultur gemalt oder normale Bilder mit Landschaftsmotiven usw. Die Ausstellungen waren deshalb nicht auf Ohren und Hände spezialisiert. Ich hatte den Eindruck, dass die Gehörlosenkultur in den Bildern mehr zu finden war, wenn intensiver darüber nachgedacht wurde. Dies war vor allem bei den Werken amerikanischer und europäischer Künstler zu spüren.

Es fiel mir jedoch auf, dass es eine Gemeinsamkeit bei vielen gehörlosen Künstlern gab. Sie halten die Bewegungen der Linien auf visueller Art fest. So bewegt sich etwas oder flimmert da und dort, wenn man das Werk lange und genau betrachtet. Vielleicht ist es das, was die Gehörlosenkunst ausmacht. Albert Fischer ("Fise") hatte seine Gedanken über die Gehörlosenkunst in seinem Tagebuch für die Ausgabe Nr. 3 von "Lesen statt Hören" niedergeschrieben. Es wäre interessant, wenn wir darüber mal öffentlich diskutieren würden.


Schlusswort von King Jordan

Im zweiten Teil werde ich auf die Konferenz zurückkommen und dabei auf die Bedeutung der Gehörlosenkultur eingehen. Schon jetzt kann ich sagen, dass der "Deaf Way II" eine Art Kulturreise in das Leben der Gehörlosen aus aller Welt war. Was Dr. King Jordan beim Galaabend vor 1000 Teilnehmern in einem alten, bekannten Museum sagte, ist wegweisend: die Teilnehmer sollen zu Hause ihren Freunden und anderen Gehörlosen vom "Deaf Way II" erzählen. Sie sollen auch aktiv werden mit dem aus dem "Deaf Way II" gewonnenen Wissen!




News am 23.Juli 2002:


10.000 Gehörlosen. Schwerhörige und Hörende aus aller Welt haben sich in Washington, D.C./USA beim DEAF WAY II vom 8.-13.Juli zusammengetroffen. Ein echtes Festival der Gehörlosenkulturen! Verschiedene Vorträge, Theater- und Videofilmaufführungen, Ausstellungen und ein grosses "Deaf-Club" am Abend. Es gibt Fotogalerien und Videofilme über den DEAF WAY II ... mehr