Kultur und Soziologie der Gehörlosen:
Die umgebende
Kultur und die Gehörlosenkultur

von Helmut Vogel
Ihre Sprache, Verhaltensweisen, Sitten und Bräuche
erlernen die Menschen in der Regel in der Kultur, in der sie aufwachsen.
Zwischen den Menschen, die in derselben Kultur aufwachsen und leben,
bestehen grundsätzliche Gemeinsamkeiten: Sie verwenden u.a.
die gleiche Sprache. Die Menschen sind mit ihrer Kultur verbunden,
denn alles, was einen Menschen umfasst und schließlich ausmacht,
wirkt auf ihn.
Jedoch haben die Menschen in der Kulturgruppe verschiedene Auffassungen
von der Kultur, weil sie verschiedene Erfahrungen und Erlebnissen
mit der Kultur verbinden. Es ist von Mensch zu Mensch verschieden,
inwieweit die kulturellen Einflüsse auf einen Menschen eingewirkt
und ihn geprägt haben. Wenn ein Mensch sich besonders mit einer
bestimmten Kultur vertraut fühlt, dann versteht er auch viel
von ihr. Welche Erfahrungen der Einzelne mit der Kultur macht und
welche Teilhabe er an dieser Kultur hat, bestimmt sein Verhältnis
zu dieser Kultur bzw. seine Auffassung von dieser Kultur. Erfahrungen
mit der Kultur und Teilhabe an der Kultur hängen stark vom
Elternhaus und von der Schule ab. Weitere Einflüsse ergeben
sich durch den Freundes- und Verwandtenkreis, durch die Arbeitswelt,
durch die Medien usw.
Was die gehörlosen Menschen betrifft, sind sie auch mit
der umgebenden Kultur verbunden, denn sie arbeiten, wohnen und leben
wie alle anderen Menschen. Die Gehörlosen in Deutschland
lernen mit der deutschen Kultur umzugehen.
Jedoch erwerben die Gehörlosen noch eine spezifische Kultur,
die Gehörlosenkultur.
In unserem Land haben die Gehörlosen neben der deutschen Sprache
noch eine eigenständige Sprache: die deutsche Gebärdensprache.
Unter der Zweisprachigkeit der Gehörlosen wird verstanden,
dass sie die Gebärdensprache und die Lautsprache, in gesprochener
und geschriebener Form, lernen und verwenden. Die Gebärdensprache
beinhaltet eigenständige syntaktische und semantische Strukturen,
die eine reibungslose Kommunikation unter den Gebärdensprachlern
ermöglichen. Das ist seit zwanzig Jahren bei uns in Deutschland
wissenschaftlich nachgewiesen worden. Jedoch gibt es schon lange
die Deutsche Gebärdensprache, als die Gehörlosen sich
ab dem Ende des 18. Jahrhunderts in den Gehörlosenschulen zunehmend
zusammengefunden haben und danach weiter verbunden geblieben sind.
Die Gehörlosen besuchen in der Regel die Gehörlosenschule.
Dort lernen sie sich kennen und schließen lebenslange Bekanntschaften.
Später gehen sie zum Gehörlosenverein. Sie heiraten oft
auch untereinander. Bis zum Tod kennen sie sich untereinander.
Den Zusammenschluss der Gehörlosen bezeichnet man als die Gehörlosengemeinschaft.
Die Gehörlosengemeinschaft ist von ihrem
Charakter aus gesehen eine Lebensgemeinschaft.
Merkmale der Gehörlosenkultur
- fließende Kommunikation in Gebärdensprache zwischen
den Gebärdensprachlern
- die gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnisse in Gehörlosenschulen,
Familien und Gesellschaften
- von Generation zu Generation weitergegeben
- die geschichtliche Entwicklung der Gehörlosengemeinschaft
- die Bräuche und Witze, die über das Leben der Gehörlosen
berichten
- die Vertrautheit durch die ähnlichen Erfahrungen und
Erlebnisse mit Gehörlosen aus anderen regionalen und internationalen
Ländern |
Aus diesen Merkmalen lässt sich folgern, dass
aus der Sicht der Gehörlosen die Hörbehinderung nicht
die erste Priorität besitzt, sondern die Gehörlosenkultur.
Es bedeutet, dass sich die Gehörlosen mehr als eine Sprach-
und Kulturgemeinschaft verstehen und weniger als eine Behindertengruppe.
Die Hörbehinderung ist als ein Teil des Lebens und nicht als
absoluter Mangel zu fassen.
...
Die Möglichkeiten der Gehörlosen für den Erwerb der
Gehörlosenkultur sind relativ, denn es kommt auf die Lebensgeschichte
von jedem Einzelnen an. Die Auffassungen von der Gehörlosenkultur
sind daher von Gehörlose zu Gehörlose verschieden. Die
Intensität der kulturellen Einflüsse betreffs der umgebenden
Kultur und der Gehörlosenkultur bleibt eine offene Frage.
In der Regel fehlen den Hörenden die Erfahrungen, was das Leben
als Gehörloser bedeutet. Das Leben als Gehörloser und
der Erwerb der Gehörlosenkultur werden von den Hörenden
oft nicht wahrgenommen. Für den größten Teil der
Hörenden ist Gehörlosigkeit bloß eine Behinderung,
die im Leben viele Probleme erzeugt.
Die hörenden Fachleute, die mit Gehörlosen zu tun haben,
zum Beispiel Ärzte, Gehörlosenpädagogen, Linguisten
usw., entwickeln manchmal auch eigene Vorstellungen über Gehörlosigkeit,
Gebärdensprache oder Gehörlosengemeinschaft. Diese Vorstellungen
enthalten eine problematische Bewertung, denn sie übereinstimmen
manchmal nicht mit denen der Gehörlosen. Die negativen Seiten
betreffs des Lebens als Gehörloser werden oft überbetont,
wenn auch nicht übersehen werden darf.
Es ist für die Lebensperspektive der Gehörlosen hilfreich,
wenn daraus Konsequenzen für das selbstbestimmte Leben gezogen
werden. Es besteht dann die Chance, dass die Gehörlosigkeit,
sowohl vom medizinischen als auch vom soziolinguistischen Aspekt
aus gesehen, bejaht wird.Die Hörenden
werden die Bedeutung der Gehörlosenkultur aus der Sicht der
Gehörlosen begreifen, wenn sie das Alltagsleben der Gehörlosen
kennen lernen und sich somit in die Gehörlosenkultur einführen
lassen. Denn die Gehörlosen haben eine positive Beziehung zur
Gehörlosigkeit und Gehörlosenkultur entwickelt. Es ist
sicherlich eine entscheidende Erkenntnis und bereichernde Erfahrung
für jeden Hörenden, die Bedeutung der Gehörlosenkultur
verstanden zu haben. Das gilt vor allem für hörende
Eltern von gehörlosen Kindern und hörende Fachleute. Der
Dialog und die Partnerschaft zwischen Gehörlosen und Hörenden
werden besser sein.
(gekürzt -
veröffentlicht in: Lesen statt Hören, Gehörlosenkulturzeitschrift
aus Leipzig, Heft Nr. 1, 2003, S. 13-15)
Literatur
Ahrbeck, Bernd: Gehörlosigkeit und
Identität. Probleme der Identitätsbildung Gehörloser
im Lichte soziologischer und psychoanalytischer Theorien, 2. überarbeitete
Auflage, Hamburg: Signum-Verlag, 1997.
Matthes, Claudia: Identität und Sprache. Gehörlose zwischen
Laut- und Gebärdensprache, zwischen gehörloser und hörender
Welt. Teil 1 und 2, in: Das Zeichen 37, 1996, S. 358-365 und 38,
1996, S. 536-543.
Padden, Carol, Humphries, Tom: Gehörlose. Eine Kultur bringt
sich zur Sprache, Hamburg: Signum-Verlag, 1991.
Videofilme
Bienvenu, Marie J., Colonomos, Betty:
An introduction to American Deaf Culture. Identity, Sign Media,
Inc. 1989.
Humphries, Tom: Deaf Culture, in: The fifth international workshop
for deaf researchers in Denmark 1993, Dovefilm Video 1993.
Padden, Carol: Was ist „gehörlose Kultur“? - Ein
Vortrag beim Verein zur Unterstützung des Forschungszentrums
für Gebärdensprache in Zürich 1989, Info-Heft Nr.
20, 1992.
© Helmut Vogel 2002
Nachdruck und Veröffentlichung nur mit schriftlicher Genehmigung
des Autors und mit folgender Quellenangabe:
Vogel, Helmut: Kultur und Soziologie der Gehörlosen: Die umgebende
Kultur und die Gehörlosenkultur, Hamburg, 2002. Quelle: www.kugg.de
(Website der KuGG e.V.)
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